In-vitro-, sauberes oder kultiviertes Fleisch: Es existieren bereits viele verschiedene Namen für die Hightechalternative zu konventionellem Fleisch. 2018 äußerten über 1.000 Mitglieder der ProVeg-Testcommunity ihre Meinung zu den derzeit kursierenden Begriffen. In diesem Artikel erfahrt ihr mehr darüber, wie die verschiedenen Bezeichnungen angekommen sind und welche Entwicklungen im Bereich kultiviertes Fleisch gibt.

Deutlich unterschiedliche Assoziationen

Im Kontext einer Bachelorarbeit an der Hochschule Ansbach wurde die Umfrage ausgewertet und auf die unterschiedliche Wahrnehmung der verschiedenen Bezeichnungen bezüglich positiven und negativen Assoziationen untersucht. Die Ergebnisse legen anschaulich dar, dass insbesondere der Name eines so gänzlich neuen Lebensmittels den ersten Eindruck stark beeinflussen kann.

Die Begriffe „clean meat“ und „kultiviertes Fleisch“ wurden von den Befragten als neutral eingestuft. Der Begriff „Laborfleisch“ wurde hingegen als äußerst negativ aufgefasst und auch der wissenschaftliche Name „In-vitro-Fleisch“ stieß bei den Teilnehmenden nicht auf Begeisterung. Nur die Bezeichnung „sauberes Fleisch“ wurde als eher positiv wahrgenommen.

Cell-based meat heißt es in den USA

Auf der Good Food Conference in Berkeley, USA, im September 2018 war kultiviertes Fleisch eines der Hauptthemen der 2-tägigen Veranstaltung. Während die Bezeichnungen „plant-based meat“ und „clean meat“ sogar die Titel der jeweiligen Thementage waren, einigte man sich am Ende zugunsten der Neutralität jedoch auf die Verwendung des Begriffs „cell-based meat“. Ob sich eine deutsche Übersetzung wie zellbasiertes Fleisch allerdings durchsetzen wird, bleibt fraglich. Möglicherweise werden verschiedene Bezugsgruppen auch künftig auf unterschiedliche Begriffe zurückgreifen, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zum Beispiel auf In-vitro-Fleisch, Gegnerinnen und Gegner auf Laborfleisch und Befürworterinnen und Befürworter auf sauberes Fleisch.

Bioreaktor statt Massentierhaltung

Hochschulen, staatliche Institutionen und zunehmend auch private Akteurinnen und Akteure forschen seit einigen Jahren verstärkt an Methoden, „echtes” Fleisch ohne Tierhaltung zu erzeugen. Für die Herstellung von Fleisch wurden Verfahren weiterentwickelt, die ursprünglich aus der medizinischen Forschung stammen.

Ausgehend von wenigen tierischen Stammzellen können durch natürliche Zellteilungsprozesse theoretisch große Mengen Fleisch erzeugt werden. Der ganze Produktionsprozess findet in einem Bioreaktor statt. Die Zellen bekommen über ein Nährmedium alle benötigten Nährstoffe, um sich zu einem Muskelgewebe zu entwickeln – ganz nach dem Vorbild des Tieres, allerdings wesentlich schneller.1

Kultiviertes Fleisch als umweltfreundliche Alternative?

Prinzipiell soll die Erzeugung von kultiviertem Fleisch für alle Teile von Tieren, die normalerweise dafür aufgezogen und geschlachtet werden müssten, nahezu ohne Tierhaltung funktionieren. Nur noch sehr wenige Tiere müssten gehalten werden, um ihnen regelmäßig Stammzellen zu entnehmen. Zusätzlich bieten die kontrollierten Produktionsbedingungen von kultiviertem Fleisch eine maximale Lebensmittelsicherheit, indem zum Beispiel Schadstoffbelastungen aus der Umwelt oder die Behandlung mit Medikamenten wegfallen.2

Neben dem ungemeinen Gewinn für das Tierwohl können gleichzeitig Umwelt und Klima erheblich entlastet werden.3 So müsste beispielsweise kein Huhn mehr aufgezogen und geschlachtet werden, um Brustfleisch zu erzeugen. Das macht die Methode sehr effizient. Zwar benötigten etwaige Anlagen mit großen Bioreaktoren viel Energie, aber diese ließe sich aus erneuerbaren Quellen beziehen. Der ProVeg-Artikel Umweltbelastung durch Fleischkonsum informiert über die Auswirkungen industrieller Tierhaltung auf den Planeten.

Die Produktentwicklung nimmt Fahrt auf

Bereits im Jahr 2013 wurde das erste Burger-Patty aus kultiviertem Fleisch im Forschungslabor hergestellt und live vor den Kameras der BBC verkostet.4 In den letzten 5 Jahren schreitet die Entwicklung von kultiviertem Fleisch zunehmend in den Labors engagierter Start-ups voran. Denn kultiviertes Fleisch bietet ein enormes ökonomisches Potenzial, weshalb bereits zahlreiche globale Unternehmen in die junge Branche investieren. Somit scheint es nur noch eine Frage der Zeit, bis die ersten Produkte auf den Markt kommen.

Wird es veganes kultiviertes Fleisch geben?

Es wird durchaus an Produktionsmethoden geforscht, die komplett tierfrei funktionieren.5 Allerdings ist angesichts der aktuellen Entwicklungen in dem Bereich noch nicht abzusehen, welche Produktionsweisen sich künftig behaupten werden. ProVeg verfolgt die Ereignisse in der Branche mit höchster Aufmerksamkeit. Die richtungsweisenden Entwicklungen im Bereich der pflanzlichen und kultivierten Tierproduktalternativen werden mit internationalen Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Industrie und Politik sowie mit Start-ups, Geldgebenden und Verbraucherorganisationen auf der New Food Conference von ProVeg vom 22. bis 23. März 2019 in Berlin diskutiert.

 

1 & 2) Post, M. J. (2014): Cultured beef. Medical technology to produce food. In: Journal of the science of food and agriculture 94 (6), S. 1039–1041.
3) Mattick, C. S., A. E. Landis, B. R. Allenby, et al. (2015): Anticipatory Life Cycle Analysis of In Vitro Biomass Cultivation for Cultured Meat Production in the United States. Environ. Sci. Technol. 49, S. 11941–11949.
4) BBC (2013): World’s first lab-grown burger is eaten in London. Hg. v. BBC Online. Online verfügbar unter http://www.bbc.com/news/science-environment-23576143
5) Moritz, M. S. M.; Verbruggen, S. E. L.; Post, M. J. (2015): Alternatives for large-scale production of cultured beef. A review. In: Journal of Integrative Agriculture 14 (2), S. 208–216.